Kolpingfamilie Wegscheid e.V.

Die Kolpingsfamilie Wegscheid besitzt eine handgeschriebene Chronik, die bis auf die Zeit der Gründung zurückreicht. Leider fehlt ein Band, welcher die Zeit vor und nach dem 2. Weltkrieg umfasst. Vielleicht will es der Zufall einmal, dass dieser Band doch wieder zum Vorschein kommt. Die wesentlichen Meilensteine der Kolpingsfamilie wurden in der Festschrift zum 100-jährigen Gründungsfest zusammengefasst. Hier ein Auszug daraus.


Die ersten Februartage des Jahres 1894 brachten die Ankündigung der Gründung eines katholischen Gesellenvereins mit sich. In einer Notiz des Grenzboten vom 4. Februar 1894 wird von dem Vorhaben einiger Handwerkergehilfen gesprochen, deren Wunsch es ist, auch in Wegscheid einen Verein junger Handwerksgesellen auf sittlich-religiöser Basis ins Leben zu rufen. Am Samstag, den 12. Februar 1894 versammelten sich im Gasthaus Resch (heute Escherich Eugen) 36 Gewerbsgehilfen. Kooperator Bärlehner sprach über Zweck und Nutzen eines katholischen Gesellenvereins. Es wurde beschlossen, einen solchen Verein zu gründen.

Dieses Foto könnte vom Gründungsfest stammen, welches am 21. Juli 1894 mit einer Fahnenweihe statt fand.

Bis 1900 war beim Gesellenverein Wegscheid ein beständiger Aufschwung feststellbar. Die Mitgliederzahl stieg. Das Vereinsleben blühte. So wurde fleißig Theater gepielt - oft bis zu dreimal jährlich. Der Besuch war immer hervorragend. Die Einnahmen verhalfen dem Verein zu bescheidenem Wohlstand.


Gründungsfest und Patrozinium wurden jährlich mit einem Festzug und nachmittäglicher Unterhaltung begangen. Die Gesellen erhielten Unterricht in Gesang und Rechnen. Man begann mit dem Aufbau einer vereinseigenen Bibliothek. Die Gesellen beteiligten sich an Prozessionen und hielten zwei mal im Jahr Generalkommunion. Es herrschte strenge Ordnung, die der Präses überwachte. Zusammenkünfte wurden wöchentlich abgehalten, jeden Sonntag und Feiertag. Man hörte Vorträge, sang, trug Gedichte vor oder spielte kleine Sketche. Ausflüge rundeten das Vereinsleben ab. Um 1900 wurde auch eine Sparkasse mit Klebemarken eingeführt.

In den Jahren 1901 bis 1914 bremste sich der Aufschwung des Vereins stark ab. Die Euphorie der Gründungsphase war vorbei und eine nüchterne, wie kritische Einstellung dem Verein gegenüber begann sich abzuzeichnen. Die Berichte der Präsides sprechen oft von "bescheidenem Dasein". Um Abhilfe zu schaffen, hielt man die Zusammenkünfte nicht mehr wöchentlich ab, sondern nur mehr alle 14 Tage von November bis April. Das Theaterspiel erfreute sich jedoch weiterhin großer Beliebtheit bei Spielern und Besuchern.

Während des ersten Weltkrieges stand rund die Hälfte der Mitglieder im Feld. Aus dem Vereinsvermögen wurden Kriegsanleihen gezeichnet. Von 1917 bis 1918 ruhte das Vereinsleben fast gänzlich. Die große Not der folgenden Jahre festigte den Katholischen Gesellenverein Wegscheid wieder zur schönsten Blüte, wie es der Grenzbote 1929 beschreibt. Man traf sich einmal im Monat zur Monatsversammlung. Weiterhin waren Vorträge und die Weiterbildung der Gesellen Hauptinhalt der Treffen. Auch die Tradition des Theaterspielens lebte wieder auf.

Nun setzte auch die berufliche Wanderschaft der Handwerksgesellen wieder ein. Die Chronik berichtet von bis zu 26 Gesellen, welche in der "Nachtherberge" aufgenommen wurden. Vereinsgasthaus und somit auch Herberge für die wandernden Gesellen war mittlerweile das Gasthaus Weiss (heute Haiböck). Verköstigung und Herberge wurden vom Gesellenverein getragen.

In die zwanziger Jahre fiel auch die Auswanderungswelle nach Amerika. Der Gesellenverein Wegscheid verlor dadurch 4 Mitglieder.

1930 wurde die Sparkasse wieder eingeführt. Um die Spartätigkeit anzuregen wurde jedem Sparer der Jahresbeitrag als Grundstock gutgeschrieben. Aus den Jahreseinnahmen wurde eine Spende an den Pressverein in Höhe von 5 DM gegeben. Dieser Verein unterhielt die Bibliothek mit 788 Bänden. Aktive Gesellen durften diese Bibliothek frei benützen.

Am 8. Juni 1933 fand in München der 1. Deutsche Gesellentag statt, zu dem auch eine Abordnung aus Wegscheid anreiste. Als die SA das Entrollen der Banner verbot, kam es zu Zusammenstößen, bei denen sich der spätere Senior Franz Schön eine Wunde und ein zerrissenes Hemd einhandelte.

Während des 3. Reichs kam die Vereinstätigkeit zum Erliegen. Hauptursache dafür war nicht ein Verbot der Gesellenvereine, sondern das sog. "Doppelmitgliedschaftsverbot", das es Mitgliedern von NS-Organisationen untersagte, bei kirchlichen Verbänden Mitglied zu sein.

Am 30. April 1945, dem Tag, an dem Adolf Hittler Selbstmord beging, wurde Wegscheid aufgrund einer völlig sinnlosen Verteidigung von den amerikanischen Truppen heftig beschossen und schwer beschädigt. Die ersten zwei Jahre nach dem Krieg waren dem Wiederaufbau gewidmet.

Eine Anzahl früherer Gesellen traf sich am letzen Februarsonntag des Jahres 1947 im Gasthaus Haiböck, um dem Ruf der Geistlichkeit zu folgen. Unter ihnen waren auch junge Burschen, die sich dem Verein anschließen wollten. Zweck der Versammlung war , den Gesellenverein wieder ins Leben zu rufen. Kooperator Schiermeier und Pfarrer Schwarzbauer wollten damit die an den Kriegsfolgen leidende Jung-Männerwelt vor einem völligen Untergang bewahren. Wie auch die Marktbewohner aus den Ruinen eine neue Heimat errichten mussten, so muss auch der sittlich und seelische dahinsiechenden Jugend ein Wall gebaut werden, der der Not der Zeit Widerstand leistet. So wurde an diesem Abend die Wiedergründung beschlossen.

Die Kolpingsfamilie spielte in der Nachkriegszeit eine bedeutende Rolle im kulturellen und gesellschaftlichen Leben des Marktes. So übernahm sie die Patenschaft für eine der neuen Glocken (die alten wurden für die Rüstungsindustrie beschlagnamt). 1951 wurde der Bau eines Jugendheims in Angriff genommen.


Ab 1947 trtaf sich die Kolpingsfamilie regelmäßig zu Monatsversammlungen. Das Angebot war sehr breit: Bibelabende, Tonbilder, politische Frühschoppen, Infoabende.

Auch das Theaterspielen gewann wieder an großer Bedeutung.


Mitte der 70er Jahre wurde vom 1. Vorsitzenden Ludwig Grillhösl eine Jungkolpinggruppe gegründet, die in den Folgejahren das Leben der Kolpingsfamilie wesentlich prägte. Die Jugendarbeit hat sichseit her als roter Faden durchgezogen und erfreut sich meist guten Zuspruchs. Nach Ludwig Grillhösl hat sich Hans Schramm große Verdienste um die Jugendarbeit erworben.

 


In den 70er Jahren lebte auch das Theaterspiel zur neuen Blüte auf, viele weitere Aktionen wurden neu oder wieder ins Leben gerufen. Männerkochkurse, Nikolauseinzug.


1981 lies die Kolpingsfamilie die Fahne aud der Gründungszeit im Kloster Thyrnau renovieren. Die wesentlichen Teile blieben erhalten. Die Kosten wurden von der Jungkolpingruppe getragen. Die nach "Schwierigkeiten" mit dem Kassier eine eigene Kasse aufgebaut hat, mit gesonderten Jugendbeiträgen und erheblichen Einnahmen aus zahlreichen Veranstaltungen, wie Theater, Tanzveranstaltungen und Diskotheken.


1985 nahm die Kolpingsfamilie die Renovierung der Wasserkapelle in Angriff. Der Brunnen wurde neu gefasst, das Mauerwerk mit einer Sickerung versehen. Beim Ablosen des Farbanstrichs kamen wertvolle Fresken zum Vorschein. Damit nahm sich das Diözesanbauamt der weiteren Renovierung an.


1991 Wurde die Kohlbauerkapelle saniert. Seither findet jedes Jahr eine Maiandacht mit anschließendem Straßenfest statt.

Ab 1975 wurde von der Kolpingjugend das Sonnwendfeuer aufgabaut. Zunächst nur um den Brauch zu pflegen. In den Folgejahren wurde das Sonnwendfeuer zum Besuchermagnet und zu einer der wichtisten Einnahmequellen.

Ab Mitte der 90er Jahre veranstaltete die Kolpingsfamilie an einem Fastensonntag ein Fastenessen im Haiböcksaal, das stets sehr gut besucht war.


Möge Gott seine Hand schützend über die Kolpingsfamile Wegscheid halten und sie zu seinem Werkzeug machen.



 
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